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Der Kritiker Stempelzeichnung aus »Der Sturm«, 1921.




Stempelzeichnung , 1919.

Zwischen diesen Blättern und den eigentlichen Merzzeichnungen (Collagen) steht eine weitere Gruppe von Arbeiten, die Schwitters »Merz-Stempelzeichnungen« nannte, da ihr Charakter wesentlich durch den Abdruck banaler gebräuchlicher Stempel bestimmt wird. Fünfzehn solcher Stempelzeichnungen (die den Namen »Zeichnungen« durchaus verdienen, da sie nicht nur gestempelt, sondern auch gezeichnet sind) wurden schwarz-weiß als ganzseitige Tafeln in Schwitters' »Sturm-Bilderbuch IV«) von 1920 reproduziert. Es handelt sich bei den Stempelzeichnungen insgesamt um Blätter, auf denen rote, manchmal auch violette Schriftstempel in freier rhythmischer Anordnung erscheinen, dazu da and dort geklebte Papierstücke, mit Vorliebe Abschnitte von Randstreifen, wie sie den Briefmarkenblöcken der Post entlanglaufen, mit Wertziffern und Strichelungen. Die Stempel lauten etwa: Drucksache, Belegexemplar, Die Redaktion, Das Sekretariat, Verlag Abteilung Inserate, Der Sturm, Herwarth Walden, Berlin-Friedenau, v. Römer usw. Oft werden die Zeilen auf einem Blatt wiederholt, auch übereinandergedruckt, zuweilen nur in Bruchstiicken. Genießerisch kostet der Künstler das Typographische der wechselnden Schriften aus, in unverkennbarer, naiver Freude am Schriftbild. Auch abstrakte Elemente aus dem Setzkasten werden gelegentlich zu Linienfiguren aneinandergereiht. Zwischen Stempeln and geklebten Papierfetzen tauchen in den meisten Fällen gezeichnete Figuren auf, Figuren aus derselben Monographie, wie sie die Aquarelle und Farbzeichnungen zeigen: Spaziergänger mit Schirm, Tiere, Kirchen, Häuser, Wind- und Kaffeemühlen, Eimer, Räder, Fahrräder, Pfeile. Diese Dinge stehen gelegentlich »auf dem Kopf« oder werden dadaistisch verulkt: ein Haus etwa verwandelt sich in eine Kaffeemühle, eine Kirche hat einen Ringelschwanz. Handgeschriebene Zahlen, Wörter und Sätze - zum Beispiel: Du oder Anna Blume hat ein Vogel - sind in spitzer deutscher Schrift dazwischengestreut. Dann und wann bilden sich durch radiale Anordnung der Stempelzeilen runde, radförmige Figurationen, die sogar einmal als menschlicher Kopf gedeutet werden können. Ein solches Blatt hat den Titel Der Kritiker: Über dem »Kopf« erheben sich gleich gesträubten Haaren die wiederholten Zeilen Der Sturm, und aus dem »Mund« fallen Pfeile, Klebenummern und Stempel wie Herwarth Walden, Belegexemplar, Bezahlt und Zahlbar nach Empfang innerhalb 14 Tagen. All dies wird spielerisch-rhythmisch auf der Fläche verteilt. Der Reiz der Blätter liegt in der Rhythmik, im assoziativen Humor und in der Naivität der Freude am Abdruck von Stempeln überhaupt. In seiner Einleitung zu Schwitters' Sturm-Bilderbuch schreibt Otto Nebel: »Zahlen und Buchstaben bleiben rein bildhaft. Ihre Begrifflichkeit ist künstlerisch belanglos. An sich ist Schrift graphische Spur eines Wortes. Im Merzbild wird Schrift wortloser Klang reiner Linien. Begriffliches wird ausgemerzt. « Aber es ist doch auch nicht zu übersehen, daß das »Begriffliche« in diesen Stempelbildern ein wesentliches Reizelement bildet. Die Stempel bleiben keineswegs »rein bildhaft«, obschon Schwitters selbst es so gemeint hat. Die Banalität der lesbaren Texte ist für den Bildausdruck durchaus nicht unwesentlich. Die Freude am Unsinn hat den Wortlaut der Texte, auch wenn er im Optischen aufgehoben wird, zur Voraussetzung.

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Schmalenbach, Werner - Kurt Schwitters. (Monographie und Werkverzeichnis).
Köln: Verlag M. DuMont Schauberg, 1967.
Illustr. OLn. m. farb. illustr. OU. 403 S. mit 54 Farbtafeln sowie 356 Textabb.
(darunter 189 Beispielen aus den einzelnen Schaffensperioden). - 30,5 x 21,5.
* Umfangreichste Darstellung