Neue Westfälische 02.11.2020
Maria Frickenstein
Der Bielefelder Künstler Gereon Inger präsentiert seine neuen Editionen. Auf den Fotos fungiert der Schatten seines Stativs wie eine Sonnenuhr. Dazu arrangiert er noch Steinchen, Zigarettenstummel und Glasscherben. Der Künstler fotografierte hinterm Bielefelder Hauptbahnhof.
Bielefeld. In seiner Kunst gilt Gereon Ingers Blick besonders dem Kleinen und nicht selten ist es auch das Unscheinbare, Ungewöhnliche oder gar Hässliche. Bekannt ist der Bielefelder Künstler für seine Miniaturmalereien, kleine Porträts auf Ahorn, Birke und Lindenblätter. Benutzte Formulare, Fahrkarten und Veranstaltungstickets nutzte er als Leinwand für kleine Aquarelle und auch Mantelknöpfe, Kirschkerne oder schnöde Hammer als Malgrund. Beliebt sind auch seine Stempelserien, sein „Stempel Tempel“. Es entstanden Motive frei nach dem James-Joyce-Weltklassiker „Ulysses“. Gemälde von Goya, Beuys oder Yves Klein inspirierten ihn zu unzähligen Flecken-Stempeln. Ingers kalligraphische Kunst in Form eines Vaterunsers auf Kirschkernen in 64 Sprachen sind immer noch Anlass, ein Staunen auszulösen.
Heute widmet sich der 1960 in Gelsenkirchen geborene Künstler, aktuellen künstlerischen Methoden, und zwar der Installation und dem Spiel mit Original, Faksimile und Reproduktion. Werden und Vergehen, Wahrheit, Authentizität und Wertigkeit, dazu die Überwindung der Zeit in der Kunst sind in den Arbeiten des Meisterschülers der Kunstakademie Düsseldorf allgegenwärtig. Sein Studium der Philosophie und Kunstgeschichte wirkt dabei in den künstlerischen Prozess hinein. Seit Jahrzehnten veräußert Gereon Inger seine Originale auf Wunsch immer gern per Würfelwurf, der mal zum Vorteil des Käufers, mal zugunsten des Künstlers führt.
Für sein neuestes Projekt greift Gereon Inger auf Miniaturen und Faksimiles aus seiner künstlerischen Anfangszeit zurück. Auch damals ließ er sich durch den Hegelianer Karl Rosenkranz und seine „Ästhetik des Hässlichen“ inspirieren. Es sind Aquarell-Porträts von Menschen aus der ganzen Welt, jetzt auf Fahrkarten und Tickets, die er in einer kleinen Metalldose bewahrt. Echt sind die Tickets, authentisch in ihrer Art und sie stammen aus aller Welt. Ein Bezug zu Reisen des Künstlers zu suchen ist jedoch verfehlt, denn es handelt sich um Fundstücke oder Mitbringsel reisender Freunde und Bekannte.
Für die neue Idee wählte Inger einen Sonnentag im Mai. „Hinter dem Bielefelder Hauptbahnhof auf einer wüsten, verlassenen Stelle“, so der 60-Jährige, habe er sein Stativ aufgestellt und von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang alle 11 Minuten und 55 Sekunden ein Bild in der Schachtel weitergeblättert und ein Foto gemacht. So entstand ein Buch, das Inger poetisch als „ein Schachtelbuch, das durch die Sonne läuft“ beschreibt. Auf jedem Foto fungiert der Schatten des Stativs wie eine Sonnenuhr. Das Licht ist in seiner Veränderung der Tageszeit wahrnehmbar, ebenso Profanes wie Staub, Wind und Müll. Dazu arrangierte der Künstler auf seiner Bild-Inszenierung noch Steinchen, Zigarettenstummel und Glasscherben. Je ein Steinchen nimmt auch den Weg in die Edition und ist bei der limitierten und signierten Edition in eine Vertiefung eingelassen.
Aber damit nicht genug. Gereon Inger machte sich auf eine zweiwöchige Wanderung auf dem Jakobsweg von Bielefeld nach Köln und suchte mit dem ironischen Blick passende Orte für seine Faksimiles, die allesamt der Witterung ausgesetzt sind. Zu finden sind sie mit entsprechenden GPS-Daten bei Instagram.
Das Künstlerbuch ist für 32 Euro beim Künstler erhältlich und er freut sich über Verlagsangebote.
Es gibt zwei aufwändigere Editionen mit Buch und USB-Stick zur Wanderung für jeweils 128 und 512 Euro.
Anfragen per E-Mail an gereon [ ät ] inger de.