Neue Westfälische, Bielefeld. 06.09.2011
BIELEFELD-SCHILDESCHE
Der Fleck, die Wolke und das surrealistische Prinzip
UNI/FH: Gereon Inger präsentiert im Zentrum für Interdisziplinäre Forschung sein Gesamtkunstwerk
VON MARIA FRICKENSTEIN
Bielefeld. „Ich versuche etwas zu machen, das so kraftvoll und schön ist wie ein Fleck„, sagt Gereon Inger. Auch Wolken, dreidimensionale Flecken, gehören dazu. Im Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) präsentiert der Bielefelder Künstler nun sein Gesamtkunstwerk „Wolkentrost“. Dazu gehören rund 4.500 Zeichnungen in 28 indigoblauen Büchern, digitale Drucke und Projektionen. Den Plenarsaal verwandelt Inger in ein „Kunstlabor“ und lädt zum Wolkenbildertausch ein.
Die Kunst, so Inger, sei ein Spiel mit Natur und Kultur. Flecken sind für ihn, Meisterschüler der Düsseldorfer Kunstakademie, ganz selbstverständlich Teil seiner Arbeit. Gern erzählt der 1960 in Gelsenkirchen geborene Zeichner, der neben Freier Kunst auch Kunstgeschichte und Philosophie studierte, von Leonardo da Vinci, der Flecken anschaute und darin Ideen für seine Bilder fand. Flecken geben Impulse, entstehen zufällig, sind Spielball oder Ausdruck gewollter Ironie. Als etwas scheinbar Unbedeutendes erhält der Fleck in der Kunst entgegen seiner ursprünglichen Banalität Aufmerksamkeit, füllt einen Raum, gewinnt Sinn und Bedeutung. Ein Kärtchen mit der Wolkenklassifikation von 1980 erinnert noch an Ingers Anfangsinteresse für die luftigen Formationen aus Wasserdampf, Wassertröpfchen und Eiskristallen.
„Es fing mit Tagebuchzeichnungen an“, erzählt Inger im ZiF über sein Buchprojekt. „Was ist das gegen einen – (Fleck)?„, ließ er die Buchdeckel prägen. Der Bild-Lesende ist geneigt, auf jeder der nummerierten Zeichnungen den Fleck zu suchen, zu vergleichen, den Fleck stets mitzudenken. Etwa 300 Wolkenbilder befinden sich unter den Zeichnungen. Mit feinem schwarzem Gelstift zeichnete Gereon Inger sie, oftmals aus der Erinnerung. „Ich zeichne im Bett mit der Stirnlampe, auch im Bus, in der Natur und im Museum“, erzählt der Künstler. Dabei fühlt er sich dem surrealistischen Prinzip verpflichtet, nutzt das Unbewusste gleichermaßen wie das Bewusste. Einige Zeichnungen entstanden vor seinem geistigen Auge, andere durch Impulse aus der Kunstgeschichte. „Wissenschaft und Poesie gehören zusammen“, ist Inger überzeugt. „Ich arbeite selbst auch so; exakt und poetisch.“ Zu sehen sind Rätsel- und Vexierbilder, Zeichnungen mit kleinen Anmerkungen und philosophischen Fragen, Wolkentanz und Wolkengetümmel.
Auch die Räume des ZiF bezieht Gereon Inger ein. Auf die Fensterfront befestigte er Folienzeichnungen aus dem 32 Meter langen „Wolken-Gesten-Atlas“. Durch sie schaut man direkt in den Himmel. Die transparenten Bilder sind nun selbst Metapher für das Leichte und die Wandlungsfähigkeit ihres Motivs. Der Blick ins Blaue gibt ihnen ihre Farbe zurück und ihre Wolkennachbarschaft. Beim Betrachten einer Zeichnung hingegen gesellt sich in der Vorstellung ganz automatisch die Farbe hinzu. Wo Preisträger im Plenarsaal ihre Würdigungen erhalten, können Menschen bei der Finissage wie schon bei der Eröffnung selbst Bilder mit 200 Wolken-, Flecken- und Landschaftsstempeln gestalten. Der Künstler lädt ein, selbst Wolkenbilder in eines seiner Bücher zu zeichnen und diese auch mit ihm vor dem ZiF zu tauschen. Wo gewöhnlich Besucher sitzen, ist das Blättern in den blauen Büchern erlaubt. Dabei ist es jedem vergönnt, dem Lesenden über die Schulter zu schauen, möglich durch die Leinwand-Projektion der jeweiligen Buchseite. „Ich liebe Flecken“, sagt Gereon Inger. Womöglich könnte diese Faszination anstecken, den Blick fangen wie eine Schönwetter-, Feder- oder Gewitterwolke. Zur Eröffnung erscheinen die Editionen „Wolkentrost“ und „Wolkenschrecken“. Bei „Facebook“ gibt Inger zudem einen detaillierten Einblick in seinen „Wolkentrost“.