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Schwüles Wetter stellte die Wanderlust durch über 50 Offene Ateliers auf eine harte Probe

Viel gesehen und viel verpaßt

Neue Westfälische, 25. 8. 1997
Anke Groenewold

Bielefeld. „Der allgemeine Gesundheitszustand der Künstler ist zufriedenstellend“, dozierte Kunstarzt Pip Cozens. Beim Herzschlag habe man allerdings noch ein wenig nachgeholfen. Ein echter Tausendmarkschein, vor empfindlichen Künstlernasen gewedelt, wirke wahre Wunder, behauptet er. Auf ihrer Tour von Atelier zu Atelier sorgte das Aktionstrio mit Cozens, Pascale Ansu Gräbener und Pan Tausendgrün für Irritationen , verteilte kleine Kunstschreine aus verschimmelten Kräuterölen und edelsteinbesetzten Nagelbürsten oder vergab spontan fünf Sterne für den freundlichem Empfang.
Ansonsten wurden aus den über 50 Offenen Ateliers keine weiteren Zwischenfälle gemeldet. Es ging ruhig zu. Während die drei Aktionskünstler wacker ihren „walkabout“ , durchzogen, ließen es die Besucher in der schwülen Hitze ruhig angehen. Davon profitierten vor allem die Künstler, deren Ateliers etwas außerhalb der Kernstadt lagen. Sie hatten so die Möglichkeit; einzeln und intensiv auf ihre Besucher einzugehen.

Gereon lnger konnte in seinem winzigen, vollgepackten Atelier für maximal zwei Neugierige den Platz freischaufeln, während er selbst auf einem kleinen Hocker saß. Was die Besucher zu hören und sehen bekamen, sprengte auf irrwitzige Weise die Dimensionen dieses Raumes. An der Wand lehnte ein vierteiliger Paravent, an dem Inger seit zweieinhalb Jahren arbeitet. Irland-Fans erkennen die Umrisse der Bucht von Dublin, die von schellackgelbem Land umgeben ist. Das Wasser strömt in Worten. Inger schreibt sich Buchstabe für Buchstabe durch James Joyces „Finnegans Wake“ und füllt mit winziger Handschrift die Bucht von Dublin. Der Fluß der Sprache und der Gedanken ist chaotisch u nd unberechenbar. Wirbel wühlen die ruhig fließenden Buchstaben auf. Strömungen Bewegungen, Kreisläufe entstehen.

Für Gereon Inger ist dieser Paravent Teil einer Lebensarbeit, die bei aller Unterschiedlichkeit dennoch ein Thema hat. Ihm geht es darum, dem Erniedrigten und Schwachen Sprache zu verleihen. Zerfallen, Verlieren, Zerstören und Vergänglichkeit sind die Schwerpunkte um die seine Arbeiten kreisen. Und immer wieder die Sprache und die Schrift. Schon als kleiner Junge war er fasziniert von Büchern, Handschriften und Illustrationen. „Angefangen habe ich damit, das Vaterunser auf einen Kirschkern zu schreiben“, erzählt Inger. (…)